In Tschechien wird seit drei Jahren über Cloud geredet. Auf Konferenzen ist es das Thema Nummer eins, Anbieter pushen es aus allen Richtungen. Aber wie viele tschechische Unternehmen nutzen Cloud tatsächlich für kritische Systeme? Wir haben uns die Realität hinter den Marketing-Slogans angesehen.
Wo wir 2012 stehen¶
Laut einer Umfrage des tschechischen Verbands der IT-Manager (ČAMIT) von Ende 2011 nutzen etwa 15 Prozent der mittelgroßen und großen tschechischen Unternehmen irgendeine Form von Cloud-Dienst. Aber Vorsicht — meistens handelt es sich um SaaS (E-Mail, CRM wie Salesforce, Google Apps). IaaS und PaaS im Produktivbetrieb findet man im einstelligen Prozentbereich.
Amazon Web Services läuft seit 2006, aber die europäische Region (Irland) wurde erst 2007 gestartet. Microsoft Azure erreichte GA im Februar 2010. Google App Engine existiert, ist aber auf Python und Java beschränkt. Tschechische Hosting-Unternehmen beginnen „Cloud”-Dienste anzubieten, aber meistens handelt es sich um umbenanntes VPS-Hosting.
Haupthindernisse für die Einführung¶
1. Wo sind meine Daten?¶
Das ist die Frage Nummer eins in jeder Vorstandssitzung. Das tschechische Datenschutzgesetz (101/2000 Sb.) und die europäische Richtlinie 95/46/EG schränken die Übermittlung von Daten außerhalb der EU ein. Die AWS-Region in Irland ist in der EU, also rechtlich in Ordnung — aber versuchen Sie das einmal der Compliance-Abteilung einer Bank zu erklären.
Für regulierte Branchen (Finanzen, Gesundheitswesen, öffentliche Verwaltung) ist Public Cloud 2012 praktisch ein No-Go. Die Tschechische Nationalbank hat keine klare Position, und das ÚOOÚ (Amt für den Schutz personenbezogener Daten) hat nur allgemeine Empfehlungen herausgegeben. Unternehmen haben Angst — und das ist verständlich.
2. Vendor Lock-in¶
Jeder Cloud-Anbieter hat seine eigene API, seine eigenen Dienste, seine eigene Arbeitsweise. Eine für AWS geschriebene Anwendung lässt sich nicht ohne erheblichen Umbau auf Azure übertragen. Und was, wenn der Anbieter die Preise erhöht? Was, wenn er insolvent geht? Für Enterprise-Kunden, die an langfristige Verträge mit IBM oder HP gewöhnt sind, ist das eine unangenehme Unsicherheit.
3. Konnektivität¶
Die tschechische Internetinfrastruktur ist im Vergleich zu Nachbarländern in guter Verfassung, aber die Latenz zur irischen AWS-Region beträgt 30–50 ms. Bei interaktiven Anwendungen kann das spürbar sein. Und wenn Ihr Internet ausfällt, fällt Ihr gesamtes System aus — anders als bei einem On-Premise-Server im Keller.
Was funktioniert: Private Cloud¶
Der Kompromiss, den wir bei den meisten unserer Kunden sehen, ist eine Private Cloud. Virtualisierte Infrastruktur (VMware, Hyper-V) im eigenen Rechenzentrum oder bei einem tschechischen Hosting-Anbieter, mit Self-Service-Portal und automatisierter Bereitstellung.
Es ist keine „echte” Cloud nach NIST-Definition (On-Demand, Measured Service, Rapid Elasticity), bringt aber die meisten Vorteile: Serverkonsolidierung, schnellere Bereitstellung, bessere Hardware-Auslastung. Und die Daten bleiben in Tschechien, unter eigener Kontrolle.
Technisch begegnen wir am häufigsten VMware vCloud Director für Orchestrierung und OpenStack als Open-Source-Alternative. OpenStack ist für Enterprise noch unreif (kommerzielle Unterstützung in Tschechien fehlt), aber wir beobachten es aufmerksam.
SaaS: Der stille Gewinner¶
Während IaaS auf CIO-Ebene debattiert wird, verbreitet sich SaaS von unten nach oben. Die Vertriebsabteilung schafft Salesforce an, Marketing probiert Marketo, HR setzt SuccessFactors ein. Die IT erfährt davon, wenn die Rechnung kommt — oder wenn jemand eine Integration mit dem internen ERP braucht.
Dieses „Schatten-IT”-Phänomen ist 2012 zunehmend verbreitet und stellt eine Herausforderung für IT-Abteilungen dar. Die Antwort sollte kein Verbot sein, sondern eine klare Cloud-Strategie mit Regeln für die Auswahl und Integration von SaaS-Diensten.
Unser Ansatz: Hybrid¶
Für unsere Kunden empfehlen wir eine hybride Strategie. Kritische Systeme (Core Banking, ERP, personenbezogene Daten) bleiben On-Premise oder in der Private Cloud. Weniger sensible Workloads (Dev/Test-Umgebungen, Webpräsenz, Analytics) werden in die Public Cloud verlagert.
Entscheidend ist eine klare Daten- und Workload-Klassifizierung. Nicht alles gehört in die Cloud, und nicht alles muss im Serverraum bleiben. Die richtige Antwort hängt von Regulierung, Datensensitivität, Latenz und Wirtschaftlichkeit ab.
- Dev/Test-Umgebungen: idealer Kandidat für Public Cloud (AWS, Azure) — Elastizität, Pay-per-Use
- Web und Marketing: CDN + Cloud-Hosting, keine sensiblen Daten
- Kerngeschäftssysteme: Private Cloud oder On-Premise, VPN-Anbindung
- Disaster Recovery: Cloud als sekundärer Standort — günstiger als ein zweites Rechenzentrum
Was als Nächstes kommt¶
Microsoft hat Pläne angekündigt, Azure-Rechenzentren in Europa auszubauen. AWS fügt jeden Monat neue Dienste hinzu. Die Preise sinken. Regulierungsbehörden beginnen, konkretere Richtlinien herauszugeben. In zwei bis drei Jahren wird die Situation deutlich anders sein.
Unternehmen, die heute in Cloud-ready-Architektur investieren (SOA, API-first-Design, Service-Containerisierung), werden vorbereitet sein. Diejenigen, die auf „Sicherheit” warten, werden aufholen müssen.
Zusammenfassung¶
Cloud Computing in der Tschechischen Republik befindet sich in einer frühen Einführungsphase. Die größten Hindernisse sind regulatorische Unsicherheit und Bedenken zur Datensicherheit. Private Cloud und ein hybrides Modell sind der pragmatische Weg nach vorne. Wichtig ist, anzufangen — vielleicht mit einer Dev/Test-Umgebung — und Kompetenzen für die Zukunft aufzubauen.
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